ARC 2026: 2.700 Seemeilen Atlantik – und was GMDSS damit zu tun hat
Rund 2.700 Seemeilen von Las Palmas nach Saint Lucia: Die ARC 2026 zeigt anschaulich, warum moderne Internetkommunikation und das internationale Seenot- und Sicherheitssystem GMDSS zwei unterschiedliche Aufgaben erfüllen.
Am 22. November 2026 wird es vor Las Palmas wieder voll auf dem Wasser. Die ARC startet zur Atlantiküberquerung nach Rodney Bay auf Saint Lucia. Rund 2.700 Seemeilen liegen vor den Crews; eine durchschnittliche Fahrtenyacht benötigt dafür ungefähr 18 bis 21 Tage. Rund 150 Boote gehen üblicherweise an den Start. Seit der ersten ARC im Jahr 1986 haben bereits mehr als 8.000 Yachten mit dem World Cruising Club den Atlantik in Richtung Karibik überquert.1
Auf vielen dieser Yachten wird 2026 etwas selbstverständlich sein, das vor wenigen Jahren noch außergewöhnlich war: schnelles Internet auf dem offenen Atlantik.
Starlink hat die Kommunikation auf Hochseeyachten verändert. Wetterdaten herunterladen, Nachrichten verschicken, telefonieren, Routinginformationen austauschen – vieles funktioniert heute mitten auf dem Atlantik fast so selbstverständlich wie an Land.
Das wirft eine naheliegende Frage auf:
Wenn ich mit Starlink praktisch überall erreichbar bin – wozu brauche ich dann noch klassischen Seefunk und GMDSS?
Eine moderne Yacht hat heute mehrere Kommunikationswelten an Bord
Wer eine gut ausgerüstete Hochseeyacht betrachtet, findet inzwischen Systeme nebeneinander, die technisch vollkommen unterschiedlich funktionieren.
Starlink stellt eine schnelle Datenverbindung zum Internet her. UKW-Funk ermöglicht die direkte Kommunikation zwischen Schiffen sowie mit Küstenfunkstellen in Reichweite. AIS macht Fahrzeuge elektronisch sichtbar und übermittelt unter anderem Position, Kurs und Geschwindigkeit. Eine EPIRB kann im Seenotfall über ein internationales Satellitensystem Alarm auslösen. Funk auf Grenz- und Kurzwelle ermöglicht maritime Kommunikation über sehr große Entfernungen. Und über anerkannte Satellitendienste können ebenfalls Not- und Sicherheitsmeldungen innerhalb des GMDSS übertragen werden.
Diese Systeme konkurrieren nicht zwangsläufig miteinander. Sie haben unterschiedliche Aufgaben.
Das lässt sich unmittelbar an den Sicherheitsbestimmungen der ARC erkennen. Der World Cruising Club verlangt unter anderem ein fest eingebautes UKW-Funkgerät mit DSC sowie die Möglichkeit, während einer Ozeanrallye auf See E-Mails zu senden und zu empfangen. Dafür kommen unterschiedliche Systeme infrage – vom Satellitensystem bis zu SSB mit Pactor. Zur vorgeschriebenen Sicherheitsausrüstung gehören außerdem weitere Möglichkeiten zur Alarmierung und Ortung im Notfall.2
Das ist keine zufällige Zusammenstellung. Dahinter stehen rund vier Jahrzehnte Erfahrung mit Ozeanrallyes. Der World Cruising Club organisiert die ARC seit 1986 und überprüft vor dem Start die vorgeschriebene Sicherheitsausrüstung. Die Ausrüstung muss nicht nur vorhanden, sondern auch einsatzbereit sein; die Crew soll mit ihrer Bedienung vertraut sein.3
Der entscheidende Unterschied beginnt beim Notfall
Solange alles funktioniert, erscheint diese Trennung wenig wichtig.
Die Crew schreibt nach Hause. Wetterkarten kommen über das Internet. Ein Techniker kann möglicherweise sogar per Videotelefonie bei einem Problem helfen.
Aber ein Seenotfall stellt eine andere Frage:
Wie bringe ich meinen Notfall in ein international organisiertes Rettungssystem?
Genau dafür wurde das Global Maritime Distress and Safety System – GMDSS geschaffen.
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO beschreibt das GMDSS als ein integriertes Kommunikationssystem aus terrestrischer Funk- und Satellitenkommunikation. Es dient unter anderem der Seenotalarmierung, der Übermittlung maritimer Sicherheitsinformationen und der Kommunikation im Zusammenhang mit Such- und Rettungsmaßnahmen.4
Der wesentliche Gedanke dahinter ist größer als ein einzelnes Funkgerät.
Ein Notruf soll nicht davon abhängen, ob zufällig jemand eine Nachricht liest oder ob die Crew die Telefonnummer der richtigen Rettungsleitstelle kennt. Ein Alarm soll in eine dafür vorgesehene Struktur gelangen.
Dazu gehören Schiffe, Küstenstellen, Satellitensysteme und die für Such- und Rettungsmaßnahmen zuständigen Rescue Coordination Centres.
Das ist der Kern des GMDSS.
Starlink ist bislang nicht für das GMDSS anerkannt.5
Irgendwo zwischen Gran Canaria und Saint Lucia
Stellen wir uns eine Nacht einige Tage nach dem Start vor.
Die nächste Küste ist weit entfernt. Um die Yacht herum ist nichts als Atlantik. Vielleicht befinden sich andere ARC-Yachten einige Seemeilen entfernt, vielleicht läuft ein Frachter außerhalb der Sichtweite vorbei.
An Bord tritt plötzlich ein ernstes Problem auf.
Wassereinbruch. Feuer. Ein medizinischer Notfall. Oder ein Crewmitglied geht über Bord.
Dann werden aus Geräten und Antennen, die vorher einfach zur Ausrüstung des Schiffes gehörten, mögliche Wege, Hilfe zu holen.
Je nach Situation kann ein DSC-Alarm andere Stationen aufmerksam machen. Über Funk kann anschließend gesprochen werden. Eine EPIRB eröffnet einen weiteren Alarmierungsweg über Satellit und die internationale Such- und Rettungsstruktur. Auf entsprechend ausgerüsteten Schiffen stehen zusätzliche Kommunikationswege über größere Entfernungen zur Verfügung.
Wichtig ist weniger das einzelne Gerät als die Kette dahinter.
Ein Alarm wird erkannt. Eine Position ist bekannt. Eine zuständige Stelle kann übernehmen. Andere Schiffe können einbezogen werden. Hilfe kann koordiniert werden.
Plötzlich versteht man, warum das Wort System in GMDSS so wichtig ist.
Viele Flaggen, ein Ozean
Die ARC macht diesen Gedanken besonders anschaulich.
Der World Cruising Club bringt bei der ARC Menschen und Yachten vieler Nationalitäten zusammen. Am Start liegen sie gemeinsam in Las Palmas, wenige Tage später verteilen sie sich über einen riesigen Bereich des Atlantiks.1
Und die Flagge am Heck ist mehr als Dekoration. Für jede Yacht gelten nicht automatisch dieselben nationalen Vorschriften. Der World Cruising Club weist in seinen Sicherheitsbestimmungen ausdrücklich darauf hin, dass seine Anforderungen weitergehende Vorgaben des jeweiligen Flaggenstaates, der Seefahrtsbehörden oder anderer zuständiger Stellen nicht ersetzen.6
Internationales GMDSS bedeutet also nicht, dass jede private Yacht auf der Welt dieselbe Ausrüstung führen muss.
Es bedeutet, dass hinter der maritimen Not- und Sicherheitskommunikation international abgestimmte Verfahren, Dienste und Rettungsstrukturen stehen.
Gerade darin liegt eine faszinierende Seite der ARC: unterschiedliche Yachten, unterschiedliche Nationen, unterschiedliche Vorschriften – und mitten auf dem Ozean müssen Kommunikation und Hilfe trotzdem zusammenfinden.
Wenn auf dem Atlantik etwas passiert
Eine professionell organisierte Ozeanrallye kann die Risiken einer Atlantiküberquerung nicht verschwinden lassen. Technische Defekte, Verletzungen, Wetter oder andere unvorhersehbare Ereignisse gehören zu einer solchen Reise dazu.
Die Frage ist deshalb, wie gut man darauf vorbereitet ist.
Der World Cruising Club bezeichnet die Teilnahme an seinen Rallyes statistisch als sehr sicher. Dahinter steht allerdings weit mehr als ein gemeinsamer Starttermin: vorgeschriebene Sicherheitsausrüstung, Kontrollen vor der Abfahrt, Vorbereitung der Crews, Satellitentracker und eine Rallyorganisation, die im Ernstfall Informationen an die zuständigen Stellen weitergeben und die Kommunikation unterstützen kann.3
Wie schnell aus dieser Vorbereitung Realität werden kann, zeigte die ARC 2024.
Karolina Viking – ARC 2024
Am 2. Dezember 2024 setzte der schwedische Leopard-45-Katamaran Karolina Viking etwa 300 Seemeilen südlich der Kapverden gegen 03:00 UTC einen Mayday ab. Wasser drang im Bereich des Steuerbord-Ruderstocks in das Schiff ein.
In Abstimmung mit dem MRCC Cape Verde versuchte die Crew zunächst, die Kapverden zu erreichen.
Im Laufe des Vormittags waren andere ARC-Yachten auf dem Weg zur Unterstützung. Gegen Mittag erreichte die ebenfalls an der Rally teilnehmende Cinderella di Sanremo die Karolina Viking. Auch die Akula hatte ihren Kurs geändert und lief in Richtung der Position.
Im weiteren Verlauf verschlechterte sich die Situation. Wasser gelangte in zusätzliche Bereiche des Steuerbordrumpfes und beeinträchtigte schließlich auch die elektrische Anlage.
Die fünfköpfige Crew entschied sich, das Schiff aufzugeben.
Alle fünf Crewmitglieder konnten sicher von der Cinderella di Sanremo übernommen werden.7
Der Fall zeigt ziemlich genau, worum es geht.
Ein technischer Schaden auf dem Atlantik lässt sich nicht planen. Aber ein Notruf wird abgesetzt, eine Rettungsleitstelle wird einbezogen, andere Schiffe reagieren – und eine Crew kann gerettet werden.
Eine Rally kann einen solchen Zwischenfall nicht verhindern.
Aber gute Vorbereitung und funktionierende Kommunikationswege können entscheidend dafür sein, was danach passiert.
Und was hat das nun mit dem LRC zu tun?
Erst an dieser Stelle wird das Long Range Certificate interessant.
Nicht, weil jeder ARC-Teilnehmer zwangsläufig ein LRC besitzen müsste. Die rechtlichen und technischen Voraussetzungen hängen von der vorhandenen Funkanlage, dem Schiff und den jeweils geltenden Vorschriften ab.
Interessant ist vielmehr, was man beim LRC zu verstehen beginnt:
Wie wird ein Seenotalarm ausgelöst? Wer empfängt ihn? Welche Rolle spielen andere Schiffe? Wie erreicht eine Meldung eine Rettungsleitstelle? Was unterscheidet normale Kommunikation von Dringlichkeits-, Sicherheits- oder Seenotverkehr? Und warum gibt es dafür weltweit abgestimmte Verfahren?
Damit entsteht aus einzelnen Geräten und Verfahren langsam ein Gesamtbild:
GMDSS.
Radio Offshore ® – GMDSS verstehen, nicht nur für die Prüfung lernen
Genau hier setzt Radio Offshore ® an: beim Verständnis des GMDSS als internationales System für Not- und Sicherheitskommunikation auf See.
Beim LRC geht es deshalb nicht nur um Funkgeräte, Verfahren und Frequenzen. Entscheidend ist zu verstehen, was geschieht, wenn eine Yacht mitten auf dem Atlantik Hilfe braucht: Wie greifen Funk, Satellitenkommunikation, Seenotalarmierung und Rettungsorganisation ineinander? Und wie funktioniert dieses Prinzip, wenn Yachten unterschiedlicher Nationen gemeinsam denselben Ozean überqueren?
Dabei geht es nicht nur darum, wie das System technisch funktioniert. Wer Seefunk nutzt, übernimmt selbst eine Rolle darin: Welche Verantwortung ein Skipper im GMDSS übernimmt →
Die ARC 2026 liefert dafür ein fast ideales Anschauungsbeispiel.
Nicht im Lehrbuch, sondern draußen auf dem Atlantik.
Vielleicht sitzt heute jemand zu Hause, liest von der ARC und denkt:
Das möchte ich irgendwann auch einmal machen.
Vielleicht nicht 2026. Vielleicht in fünf Jahren. Vielleicht erst in zehn.
Dann ist es noch nicht wichtig, jedes Funkverfahren und jede technische Einzelheit zu kennen.
Aber eine Sache kann man schon heute verstehen:
Wer auf den Ozean hinausfährt, verlässt irgendwann die Sichtweite des Landes. Nicht aber das internationale System, das dafür geschaffen wurde, Menschen auf See im Notfall miteinander zu verbinden.
Quellen und Anmerkungen
1 – ARC: Strecke, ARC 2026, Teilnehmer und Geschichte
World Cruising Club, ARC – Atlantic Rally for Cruisers.
Der Veranstalter nennt Las Palmas de Gran Canaria als Start und Rodney Bay
auf Saint Lucia als Ziel. Für eine durchschnittliche Yacht gibt der WCC
eine Überfahrtsdauer von etwa 18 bis 21 Tagen an. Jährlich nehmen rund
150 Boote teil. Seit der ersten ARC 1986 sind nach Angaben des WCC mehr
als 8.000 Yachten mit der Organisation in die Karibik gesegelt.
Der WCC beschreibt die ARC außerdem ausdrücklich als internationale Rally
mit Teilnehmern unterschiedlicher Nationalitäten. Für 2026 ist der Start
am 22. November angesetzt.
2 – Kommunikations- und Sicherheitsausrüstung
World Cruising Club, Communications – Staying in touch with friends and
in an emergency sowie die aktuellen Sicherheitsanforderungen.
Für Ozeanrallyes müssen die Yachten auf See E-Mails senden und empfangen können.
Als Möglichkeiten nennt der WCC unter anderem Satellitenkommunikation sowie
SSB mit Pactor. Zusätzlich ist ein fest eingebautes 25-W-UKW-Funkgerät mit
DSC vorgeschrieben. Zu den weiteren Mitteln für Seenotalarmierung und Ortung
gehört unter anderem eine EPIRB.
3 – Sicherheitskontrollen und Rallyorganisation
World Cruising Club, Why Us?, Safety Equipment und die allgemeinen
Rallyinformationen. Die Sicherheitsanforderungen basieren auf den
World Sailing Offshore Special Regulations und auf rund 40 Jahren Erfahrung
mit Ozeanrallyes. Der WCC erklärt ausdrücklich, jedes Boot vor der Abfahrt
zu kontrollieren – nicht nur auf das Vorhandensein der Ausrüstung, sondern
auch auf sachgerechte Installation, Einsatzbereitschaft und die Vertrautheit
der Crew mit ihrer Bedienung. Der WCC bezeichnet die Teilnahme an seinen
Rallyes statistisch als sehr sicher und bietet bei Bedarf rund um die Uhr
Unterstützung und die Verbindung zu zuständigen Behörden.
4 – Global Maritime Distress and Safety System – GMDSS
International Maritime Organization (IMO), Radiocommunications.
Die IMO beschreibt das GMDSS als integriertes Kommunikationssystem,
das satelliten- und terrestrische Funkkommunikation miteinander verbindet
und der Seenotalarmierung sowie dem Empfang und der Übermittlung
sicherheitsrelevanter maritimer Informationen dient.
5 – Starlink und GMDSS
Starlink gehört derzeit nicht zu den von der IMO anerkannten mobilen
Satellitenkommunikationssystemen für das GMDSS. Die IMO nennt aktuell
Inmarsat und Iridium als anerkannte Systeme. Für weitere Anbieter bestehen
festgelegte internationale Kriterien und ein formelles Anerkennungsverfahren.
Die technische und regulatorische Vertiefung gehört bewusst nicht in diesen ARC-Artikel. Sie steht bei Radio Offshore ® im dritten Teil der Starlink-Trilogie: „Was passiert, wenn Starlink für das GMDSS anerkannt wird?“ Dort geht es um den heutigen Stand, den möglichen Weg zu einer Anerkennung und die Folgen, die eine solche Entwicklung für GMDSS, Technik und LRC haben könnte.
6 – Flaggenstaat und Sicherheitsanforderungen
World Cruising Club, Safety Equipment Requirements 2026.
Die Sicherheitsanforderungen des WCC stehen neben den jeweils geltenden
gesetzlichen und behördlichen Vorgaben; weitergehende Anforderungen des
Flaggenstaates oder zuständiger Behörden bleiben maßgeblich.
7 – Karolina Viking – ARC 2024
Die Detailangaben zum Ablauf stammen aus einer Stellungnahme des
World Cruising Club vom 2. Dezember 2024, die Noonsite in seinem Bericht
„ARC Rally: Catamaran Abandoned on Atlantic Crossing“ wiedergibt:
Mayday gegen 03:00 UTC, Wassereinbruch im Steuerbord-Maschinenraum im
Bereich des Ruderstocks, Abstimmung mit MRCC Cape Verde, Zusammentreffen
mit Cinderella di Sanremo gegen Mittag sowie die Kursänderung der Akula.
Nachdem auch die elektrische Anlage beeinträchtigt worden war, wurde die
Yacht aufgegeben; alle fünf Crewmitglieder wurden von Cinderella di Sanremo
übernommen.
Unabhängig davon führt World Sailing den Vorfall vom 2. Dezember 2024
in seiner Übersicht der Incident Investigation Reports als
„ARC – Karolina Viking – Leopard 45 – Boat abandoned – Crew rescued –
Boat recovered“.
GMDSS und LRC weiter vertiefen
Die ARC zeigt, wie aus einzelnen Funk- und Satellitensystemen eine internationale Rettungskette wird. Wer die Zusammenhänge hinter GMDSS, Langstreckenfunk und Satellitenkommunikation weiter vertiefen möchte, findet hier die passenden Fachseiten.
Die Starlink-Serie
Starlink verändert die Kommunikation auf Hochseeyachten. Die dreiteilige Serie untersucht, wo Internetkommunikation endet und GMDSS beginnt – und was eine zukünftige Anerkennung von Starlink für das GMDSS bedeuten könnte.