GMDSS – wie aus einem Seenotfall eine organisierte Rettung wird
Ein Seenotfall auf hoher See darf nicht davon abhängen, wer ihn zufällig hört. GMDSS sorgt dafür, dass der Alarm die professionelle Rettungskette erreicht – und dass danach Kommunikation, Koordination und Ortung funktionieren.
310 Seemeilen vor der Küste. Wassereinbruch. Was jetzt?
Stell dir vor, du bist mit deiner Yacht weit draußen auf See. Rund 310 Seemeilen von der Küste entfernt.
Wasser dringt ein. Die Pumpen schaffen es nicht mehr. Aus einem technischen Problem wird ein Seenotfall.
UKW reicht in dieser Situation nicht bis zu einer Küstenfunkstelle. Auch der typische Versorgungsbereich des MF-Seefunks liegt hinter dir.
Für unser Beispiel nehmen wir an, dass sich die Yacht außerhalb der Seegebiete A1 und A2 befindet, aber innerhalb der Abdeckung eines anerkannten GMDSS-Satellitendienstes.
Damit befinden wir uns im Seegebiet A3.
Die entscheidende Frage lautet jetzt nicht: Welches Schiff könnte mich vielleicht retten? Sondern: Wie bekomme ich meinen Seenotfall zuverlässig zu den Profis?
Seenotalarm über Satellit
Auf einer entsprechend ausgerüsteten Yacht kann beispielsweise über Inmarsat-C ein Distress Alert ausgelöst werden.
Dabei werden unter anderem die Identität des Schiffes und seine Position übertragen. Der Alarm läuft über das Satellitensystem und die landseitige Infrastruktur in die professionelle Rettungsorganisation.
Damit ist der wichtigste Schritt geschafft: Die zuständige Rettungsleitstelle weiß, dass sich ein Schiff in Seenot befindet.
Seenotalarm über Kurzwelle
Ein weiterer Kommunikationsweg kann HF, also Kurzwelle, sein.
Die digitale Alarmierung erfolgt dabei beispielsweise über HF-DSC. Anschließend kann die weitere Seenotkommunikation über Kurzwelle geführt werden.
Der technische Weg ist ein anderer. Das Ziel bleibt dasselbe: Der Seenotfall muss zuverlässig die Organisation erreichen, die die Rettung koordinieren kann.
Du musst nicht wissen, wer dich retten kann
Das zuständige Maritime Rescue Coordination Centre, kurz MRCC, beurteilt die Lage und organisiert das weitere Vorgehen.
Vielleicht befindet sich ein geeignetes Handelsschiff nur wenige Seemeilen entfernt. Vielleicht kann eine SAR-Einheit auslaufen. Vielleicht steht ein Rettungshubschrauber zur Verfügung. Vielleicht werden mehrere Einheiten gleichzeitig eingesetzt.
Welche Lösung die richtige ist, musst du als Skipper nicht selbst entscheiden. Genau dafür gibt es die professionelle Search-and-Rescue-Organisation.
Die Aufgabe des Skippers ist nicht, seine eigene Rettungsorganisation aufzubauen. Seine Aufgabe ist zunächst, den Seenotfall zuverlässig in die professionelle Rettungskette zu bringen.
Danach koordinieren die dafür vorgesehenen Stellen, welche Rettungsmittel eingesetzt werden und wie die weitere Kommunikation abläuft.
Die Yacht muss verlassen werden
Der Wassereinbruch lässt sich nicht stoppen. Die Besatzung geht in die Rettungsinsel.
Jetzt bekommt ein weiterer Baustein des GMDSS besondere Bedeutung: die 406-MHz-EPIRB.
Sie ersetzt keine normale Sprach- oder Textkommunikation. Ihre Aufgabe liegt vor allem darin, einen Seenotalarm über das satellitengestützte Cospas-Sarsat-System weiterzugeben und die Rettungsorganisation bei der Positionsbestimmung zu unterstützen.
Der Seenotfall bleibt damit auch dann sichtbar, wenn das eigentliche Schiff bereits aufgegeben werden musste.
Jetzt muss sie dich auch noch finden
Zu wissen, dass irgendwo Menschen in Seenot sind, ist noch nicht dasselbe wie sie auf dem Meer tatsächlich zu finden.
In der Rettungsinsel kann deshalb beispielsweise ein Radar-SART eingesetzt werden. Er wird möglichst hoch angebracht und eingeschaltet.
Trifft ihn das X-Band-Radar einer suchenden Einheit, antwortet der SART. Auf dem Radar der Rettungseinheit erscheint die charakteristische Anzeige mit zwölf Punkten.
Der SART alarmiert also nicht das MRCC. Er erfüllt eine andere Aufgabe:
Genau daran erkennt man, warum GMDSS nicht aus einem einzigen Funkgerät bestehen kann. Alarmieren, kommunizieren, koordinieren und finden sind unterschiedliche Aufgaben.
Und genau das ist GMDSS
GMDSS steht für Global Maritime Distress and Safety System.
Es ist das internationale Seenot- und Sicherheitssystem der Seeschifffahrt.
Unterschiedliche Kommunikationswege, Alarmierungssysteme, Ortungsmittel und Dienste für maritime Sicherheitsinformationen übernehmen darin jeweils ihre eigene Aufgabe.
Welche Aufgaben gehören zum GMDSS?
Die Seenotgeschichte zeigt bereits einen großen Teil davon. Hinzu kommt der laufende Empfang maritimer Sicherheitsinformationen.
Alarmieren
Den Seenotfall zuverlässig an Land und in die Rettungsorganisation übermitteln.
Kommunizieren
Informationen zwischen Schiff, Küstenstellen und beteiligten Einheiten austauschen.
Koordinieren
Rettungsmittel und weitere Maßnahmen durch RCC beziehungsweise MRCC organisieren.
Finden
Havaristen, Überlebende oder Rettungsmittel im Suchgebiet lokalisieren.
Informieren und warnen
Navigationswarnungen, Wetterwarnungen und andere Maritime Safety Information empfangen.
Die Bausteine des GMDSS
Die einzelnen Systeme übernehmen unterschiedliche Teile dieser Aufgaben. Die Fachseiten gehen jeweils in die technische Tiefe.
DSC
Digitale Alarmierung und gezielter Anrufaufbau über UKW sowie MF/HF.
DSC im LRC → Große EntfernungenMF/HF-Seefunk
Terrestrische Alarmierung und Kommunikation weit über die typische UKW-Reichweite hinaus.
MF/HF-Seefunk → SatellitInmarsat-C
Satellitengestützte Alarmierung, Nachrichtenverkehr und Sicherheitsinformationen.
Inmarsat-C → Alarmierung und OrtungEPIRB, Radar-SART und AIS-SART
Unabhängige Alarmierung und Hilfsmittel zum Auffinden im Suchgebiet.
EPIRB, SART & AIS-SART → Maritime Safety InformationNAVTEX und SafetyNET
Automatischer Empfang von Navigations-, Wetter- und Sicherheitsinformationen.
NAVTEX & SafetyNET → FahrtgebietSeegebiete A1 bis A4
Welche GMDSS-Kommunikationsmöglichkeiten in welchem Seegebiet vorausgesetzt werden.
Seegebiete A1–A4 →
Reicht Starlink auf See – oder braucht man GMDSS trotzdem?
Eine Yacht kann mitten auf dem Atlantik eine hervorragende Internetverbindung haben. Daraus folgt nicht, dass diese Verbindung Teil des GMDSS ist.
Starlink oder gewöhnliche Satellitentelefone sind deshalb nicht mit einer anerkannten GMDSS-Kommunikationseinrichtung gleichzusetzen.
Für mich liegt der entscheidende Unterschied darin, wofür ein System gebaut wurde: Starlink bringt Internet auf die Yacht. GMDSS soll einen Seenotfall zuverlässig in die internationale Rettungsstruktur bringen und die weitere Seenot- und Sicherheitskommunikation ermöglichen.
Deshalb würde ich die Frage nicht stellen: „Starlink oder GMDSS?“ Beide Systeme können an Bord sinnvoll sein – aber sie haben nicht dieselbe Aufgabe.
Starlink auf See: Warum Internet GMDSS nicht ersetzt →
Peter Wörner · Inhaber, Ausbilder und Kursleiter Radio Offshore
Eine wichtige Besonderheit bei A3
Unser Beispiel spielt im Seegebiet A3. Dabei muss man Definition und Kommunikationsweg auseinanderhalten.
A3 wird durch die Abdeckung eines anerkannten mobilen GMDSS-Satellitendienstes bestimmt, den die an Bord vorhandene Ship Earth Station unterstützt. HF/Kurzwelle kann dort ein wichtiger Kommunikationsweg sein, definiert das Seegebiet A3 aber nicht.
Was haben SRC und LRC mit GMDSS zu tun?
SRC
Das SRC umfasst den UKW-Seefunk einschließlich DSC. Damit gehören bereits wichtige Teile der GMDSS-Kommunikation zum Ausbildungsstoff.
LRC
Beim LRC kommen unter anderem MF/HF-Funk und satellitengestützte GMDSS-Kommunikation hinzu.
GMDSS im LRC-Kurs bei Radio Offshore
Im LRC-Präsenzkurs arbeiten die Teilnehmer mit MF/HF, DSC, Inmarsat-C und NAVTEX und ordnen die einzelnen Systeme in genau diesen Gesamtzusammenhang ein.