LRC · GMDSS · Maritime Safety Information
NAVTEX & SafetyNET – wie kommen Maritime Safety Information an Bord?
Du gehst mit deiner Yacht auf große Fahrt. Auch unterwegs möchtest du Navigationswarnungen, meteorologische Warnungen, Wettervorhersagen und wichtige Search-and-Rescue-Informationen rechtzeitig an Bord bekommen.
Wie gewährleistest du das? Im GMDSS führen dafür zwei völlig verschiedene Wege zum selben Ziel: terrestrischer Funk über NAVTEX oder Satellitenkommunikation über SafetyNET.
Genau an dieser Weiche geraten viele durcheinander
In meinen LRC-Kursen sehe ich immer wieder, dass NAVTEX und SafetyNET vermischt werden. Dabei wird der Unterschied sofort klar, wenn man zuerst auf den Übertragungsweg schaut.
NAVTEX ist terrestrischer Funk. SafetyNET ist Satellitenkommunikation über EGC. Beide Wege bringen Maritime Safety Information an Bord.
Peter Wörner · Inhaber und Ausbilder bei Radio Offshore
Auf großer Fahrt willst du wissen, was vor dir passiert
Ein Leuchtfeuer ist ausgefallen. Ein treibendes Hindernis liegt auf einer Schifffahrtsroute. Schweres Wetter entwickelt sich. Oder in einem Seegebiet läuft eine Such- und Rettungsaktion.
Solche Informationen können für die sichere Fahrt entscheidend sein. Unter dem Begriff Maritime Safety Information – MSI werden wichtige Sicherheitsinformationen für die Schifffahrt zusammengefasst.
Dazu gehören insbesondere Navigationswarnungen, meteorologische Warnungen und Vorhersagen sowie Search-and-Rescue-bezogene Informationen und weitere dringende Sicherheitsmeldungen.
Der entscheidende Vorteil: Diese Informationen werden über dafür vorgesehene Dienste verbreitet und können an Bord automatisch empfangen werden.
Jetzt kommt die entscheidende Weiche
Die Aufgabe ist auf beiden Seiten dieselbe. Der Übertragungsweg ist vollkommen verschieden.
NAVTEX
Landgestützte NAVTEX-Sender strahlen Maritime Safety Information über Funk aus. Ein NAVTEX-Empfänger an Bord nimmt die entsprechenden Meldungen auf.
Der Haken: Das Schiff muss sich innerhalb eines geeigneten Empfangsbereichs befinden.
SafetyNET / EGC
SafetyNET geht einen anderen Weg. Die Maritime Safety Information wird über Satelliten als Enhanced Group Call – EGC – verbreitet.
Meldungen können dabei gezielt für geografische Gebiete ausgesendet und von entsprechend ausgerüsteten Schiffen automatisch empfangen werden.
NAVTEX = terrestrischer Funk · SafetyNET = Satellitenkommunikation / EGC
Plan A funktioniert – bis die Küste zu weit weg ist
Solange du dich in einem gut versorgten Küstengebiet bewegst, ist NAVTEX ein ausgesprochen praktischer Weg: Die Sicherheitsinformationen kommen automatisch über die landgestützten Sender an Bord.
Auf einer Atlantiküberquerung sieht die Welt anders aus. Je weiter du dich von den Küsten entfernst, desto größer werden die Bereiche, in denen kein passender NAVTEX-Sender mehr erreichbar ist.
Im Pazifik wird dieser Unterschied noch deutlicher. Ein terrestrisches Sendernetz kann einen Ozean nicht auf dieselbe Weise abdecken wie ein Satellitensystem.
Genau deshalb ist SafetyNET so interessant: Der Inhalt bleibt Maritime Safety Information – aber der Übertragungsweg wechselt von der Küste zum Satelliten.
Wie weit reicht ein NAVTEX-Sender wirklich?
Hier lohnt es sich, Prüfungsantwort und reale Funkpraxis auseinanderzuhalten.
Wie weit ein NAVTEX-Signal tatsächlich empfangen wird, hängt unter anderem von Sendeleistung, Ausbreitungsbedingungen, Tageszeit und geografischen Verhältnissen ab.
Werte bis etwa 600 Seemeilen können unter günstigen Bedingungen beziehungsweise als äußerer Reichweitenwert vorkommen. Daraus sollte man aber nicht ableiten, dass jeder NAVTEX-Sender zuverlässig einen Radius von 600 Seemeilen versorgt.
Für die Reiseplanung ist deshalb der realistischere Gedanke: NAVTEX ist ein regionaler, landgestützter Dienst – kein weltumspannendes Funknetz.
Was kann als MSI an Bord kommen?
Navigationswarnungen
Gefahren für die Navigation, ausgefallene Navigationshilfen, Arbeiten auf See, Sperrungen oder andere wichtige Veränderungen.
Meteorologische Warnungen
Warnungen vor Wetterentwicklungen, die für Schiffe und ihre geplante Route sicherheitsrelevant werden können.
Wettervorhersagen
Meteorologische Informationen für die weitere Fahrt, Routenwahl und Reiseplanung.
Search-and-Rescue-Informationen
Dringende Meldungen im Zusammenhang mit Suche und Rettung gehören ebenfalls zur MSI-Welt.
NAVTEX ist nicht nur 518 kHz
Erst wenn der terrestrische Übertragungsweg verstanden ist, werden die einzelnen NAVTEX-Frequenzen interessant.
International NAVTEX
Der internationale NAVTEX-Dienst. Die Aussendungen erfolgen in englischer Sprache.
National NAVTEX
Frequenz für nationale NAVTEX-Dienste. Hier können Meldungen in der jeweiligen Landessprache ausgesendet werden.
Für die tropische Zone
Diese Frequenz liegt im HF-Bereich und ist insbesondere in tropischen beziehungsweise äquatorialen Gebieten als Alternative zu 518 kHz vorgesehen.
Die Erde wird für Navigationswarnungen in NAVAREAs aufgeteilt
Wer weltweite Maritime Safety Information verbreiten will, braucht eine klare geografische Zuständigkeit. Dafür gibt es die NAVAREAs.
Heute bestehen weltweit 21 operative NAVAREAs. Ältere Unterlagen und frühere Fragenkataloge können noch von 16 NAVAREAs sprechen, weil die fünf arktischen NAVAREAs XVII bis XXI später hinzugekommen sind.
Eine NAVAREA ist ein großes, festgelegtes Gebiet für die Koordinierung von Navigationswarnungen. Innerhalb eines solchen Gebietes kann jedoch noch wesentlich genauer unterschieden werden.
NAVAREA allein ist noch ziemlich grob
Stell dir eine NAVAREA nicht als einen einzigen Informationsblock vor, bei dem jedes Schiff jede Küstenwarnung erhalten müsste.
Innerhalb einer NAVAREA können Coastal Warning Areas festgelegt werden. Sie ermöglichen eine feinere geografische Zuordnung von Küstenwarnungen.
Im SafetyNET-System können solche Coastal Warning Areas innerhalb einer NAVAREA mit einem Buchstaben von A bis Z bezeichnet werden.
Damit lässt sich eine Meldung beispielsweise nicht nur einer NAVAREA zuordnen, sondern innerhalb dieser großen NAVAREA zusätzlich einem bestimmten Küstenwarngebiet.
Du möchtest nicht jede Meldung der Welt empfangen
Die Auswahl ist bei NAVTEX und SafetyNET wichtig – sie funktioniert technisch aber nicht auf dieselbe Weise.
NAVTEX: den richtigen Sender auswählen
Jeder NAVTEX-Sender besitzt eine Senderkennung. Im Nachrichtenkopf wird sie als B1-Kennung übertragen. Damit kann der Empfänger entscheiden, von welchen Stationen Meldungen angenommen werden sollen.
NAVTEX: die Nachrichtenart erkennen
Zusätzlich kennzeichnet B2 die Meldungsart. So lassen sich beispielsweise Navigationswarnungen, meteorologische Warnungen, Wettervorhersagen oder SAR-Informationen unterscheiden.
SafetyNET: geografisch auswählen
SafetyNET kann Meldungen für große geografische Gebiete, beispielsweise eine NAVAREA, aber auch wesentlich genauer für festgelegte Gebiete adressieren.
Coastal Warning Area: noch genauer
Küstenwarnungen können innerhalb einer NAVAREA einer Coastal Warning Area zugeordnet werden. Hier kommen die Kennbuchstaben A bis Z ins Spiel.
B1 und B2 – zwei Buchstaben, zwei völlig verschiedene Aufgaben
Auch hier entsteht in der Praxis schnell Verwirrung. Der erste Buchstabe im NAVTEX-Nachrichtenkopf sagt nicht dasselbe aus wie der zweite.
B1 kennzeichnet die sendende NAVTEX-Station. Der Empfänger kann damit die Stationen auswählen, deren Versorgungsgebiete für die aktuelle oder unmittelbar bevorstehende Fahrt relevant sind.
B2 kennzeichnet dagegen die Art der Nachricht. Beispielsweise steht A für Navigationswarnungen, B für meteorologische Warnungen, D für Search-and-Rescue-Informationen und E für meteorologische Vorhersagen.
Gerade deshalb sollte man nicht einfach „Buchstaben A bis Z“ sagen, ohne dazuzusagen, welcher Buchstabe welche Aufgabe hat.
Welche NAVTEX-Sender würdest du vor der Abfahrt auswählen?
Nicht nur den Sender, dessen Gebiet dein Schiff gerade durchfährt.
Sinnvoll ist auch der Sender, dessen Versorgungsgebiet du als Nächstes erreichen wirst. So kommen Warnungen für den nächsten Abschnitt deiner Reise bereits an Bord, bevor du mitten im betreffenden Gebiet stehst.
Genau hier wird aus der Filterfunktion eine praktische Entscheidung für die Reiseplanung.
Und wann werden NAVTEX-Meldungen ausgesendet?
NAVTEX-Stationen arbeiten mit koordinierten Sendezeiten. Dadurch können zahlreiche Stationen dieselbe Frequenz nutzen, ohne sich ständig gegenseitig zu stören.
Routineinformationen werden innerhalb der vorgesehenen Sendezeiten verbreitet. Dringende beziehungsweise besonders wichtige Meldungen werden jedoch entsprechend ihrer Priorität behandelt und müssen nicht einfach bis zum nächsten normalen Routinefenster warten.
Jetzt zur technischen Tiefe
Wer die Weiche zwischen terrestrischem Funk und Satellitenkommunikation verstanden hat, kann die Begriffe dahinter sauber zuordnen.
MSI
Maritime Safety Information: sicherheitsrelevante Informationen für die Schifffahrt, insbesondere Navigationswarnungen, meteorologische Warnungen und Vorhersagen sowie weitere dringende Sicherheitsinformationen.
NAVTEX
Automatischer terrestrischer Funkdienst zur Verbreitung von Maritime Safety Information innerhalb der jeweiligen Versorgungsgebiete.
SafetyNET
Satellitengestützter Dienst zur automatischen Verbreitung von Maritime Safety Information.
EGC
Enhanced Group Call ermöglicht, satellitengestützte Nachrichten an definierte Gruppen oder geografische Gebiete zu adressieren.
NAVAREA
Großes geografisches Gebiet für die weltweite Koordinierung von Navigationswarnungen. Heute bestehen 21 operative NAVAREAs.
Coastal Warning Area
Feiner abgegrenztes Küstenwarngebiet innerhalb einer NAVAREA. Bei SafetyNET können solche Gebiete mit Buchstaben von A bis Z bezeichnet werden.
B1
Kennzeichnet im NAVTEX-Nachrichtenkopf die sendende NAVTEX-Station und ermöglicht die Auswahl relevanter Sender.
B2
Kennzeichnet die Art der NAVTEX-Nachricht, beispielsweise Navigationswarnung, meteorologische Warnung, SAR-Information oder Wettervorhersage.
Wo kommt Inmarsat-C ins Spiel?
Im LRC begegnet SafetyNET eng verbunden mit der satellitengestützten Kommunikation über Inmarsat-C. Trotzdem sind beide Begriffe nicht gleichbedeutend.
SafetyNET ist der Dienst, über den Maritime Safety Information verbreitet wird. Inmarsat-C kann wesentlich mehr als nur den Empfang dieser Sicherheitsinformationen.
Nachrichtenverkehr, Distress-Funktionen, Gerätebedienung und die weiteren Möglichkeiten behandeln wir deshalb auf der eigenen Seite Inmarsat-C →
Wenn nur eine Sache hängen bleibt:
NAVTEX bringt MSI terrestrisch über Funk an Bord.
SafetyNET bringt MSI satellitengestützt über EGC an Bord.
Die benachbarten GMDSS-Themen
GMDSS
Wie Alarmierung, Kommunikation, Maritime Safety Information und Rettung zusammenspielen.
Zum GMDSS → SatellitenkommunikationInmarsat-C
Nachrichtenverkehr, Distress-Funktionen und satellitengestützte Kommunikation im LRC.
Zu Inmarsat-C → FahrtgebietSeegebiete A1–A4
Welche Kommunikations- und Sicherheitssysteme mit zunehmender Entfernung relevant werden.
Zu den Seegebieten → WeitverkehrMF/HF-Seefunk
Mittel- und Kurzwelle als Kommunikationswege außerhalb der UKW-Reichweite.
Zu MF/HF →Wenn die Weiche sitzt, wird NAVTEX plötzlich ziemlich logisch
Im LRC-Training bei Radio Offshore werden NAVTEX, SafetyNET, EGC, NAVAREA, Coastal Warning Areas und die NAVTEX-Kennungen nicht als lose Abkürzungen behandelt. Entscheidend ist zuerst, welchen Weg die Information nimmt und welche Meldung für die eigene Reise gebraucht wird.